Um vergangene Fehler zu vermeiden, sollte zukünftig in Jemens Landwirtschaft investiert werden


August 2021

Aiman al-Eryani

Die aktuelle Hungersnot und der wirtschaftliche Zusammenbruch im Jemen unterstreichen die Bedeutung eines widerstandsfähigen Agrarsektors. Um eine Wiederholung der gegenwärtigen Situation in der Zukunft zu vermeiden, müssen alle Pläne für die Entwicklung des Jemens Investitionen in die Landwirte und in die Infrastruktur beinhalten, die für die Kommerzialisierung der Produktion dringend benötigt wird. Der Jemen hat bereits den Vorteil einer großen Bevölkerung und das muss viel besser genutzt werden. Aiman al-Eryani führt aus, wie Lehren aus den 70ern gezogen werden können. Wenn staatliche Institutionen in die landwirtschaftliche Infrastruktur investieren und die Wasserressourcen besser verwalten, kann sich der Sektor erholen. Letztlich wird aber die effektivste Maßnahme die nachhaltige Lösung des aktuellen Konflikts sein.

Fast 70 Prozent der Bevölkerung leben in den ländlichen Gebieten des Jemens. Die Hälfte der Arbeitskräfte des Landes ist in der Landwirtschaft beschäftigt und 70 Prozent der jemenitischen Bevölkerung ist von einem landwirtschaftlichen Einkommen abhängig. Dennoch kann die Landwirtschaft des Landes die Bevölkerung schon lange nicht mehr ernähren, was zur Folge hat, dass der Jemen 90 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs importieren muss. Eine Erklärung ist die Tatsache, dass der Sektor von den Behörden unterversorgt wurde und einen stetig sinkenden Anteil an öffentlichen Ausgaben erhält. Die Wurzel vieler landwirtschaftlicher Probleme liegt in den 1970er Jahren. Damals exportierte der Nordjemen, wo die meiste Landwirtschaft betrieben wird, einen Großteil seiner Arbeitskräfte, um von diesen höheren Einkünften zu leben. Dies führte zur Vernachlässigung von lebenswichtigem Ackerland. Weiter verschärft wurde die Stagnation der Landwirtschaft durch politische Fehlentscheidungen, Konflikte, die Entdeckung des Öls und von außen auferlegte Strukturanpassungsprogramme. In jüngster Zeit ist mit dem gravierendsten Umweltproblem des Jemens – der Wasserknappheit – ein weiteres Problem hinzugekommen.

Politische Entscheidungsträger können von den Problemen lernen, mit denen der Agrarsektor des Landes in den 1970er Jahren konfrontiert war. In dieser Zeit veränderte sich die Dynamik der jemenitischen Wirtschaft dramatisch. Die enorme Abwanderung von Arbeitskräften in die benachbarten ölproduzierenden Länder führte zu einer Explosion der Einkünfte und schuf ein Land mit ungewöhnlich viel Kapital, aber zu wenigen Arbeitskräften. Anstatt dieses Kapital zu nutzen, um die Wirtschaft zu diversifizieren und den Agrarsektor anzukurbeln, verfolgte die Jemenitische Arabische Republik einen Laissez-faire-Ansatz und ließ zu, dass billige Importe ins Land strömten und der Bausektor boomte – alles auf Kosten der vorhandenen landwirtschaftlichen Nutzfläche. Dieses blühende Jahrzehnt war eine verpasste Chance, den Jemen zu einer landwirtschaftlichen Macht zu entwickeln. Jedoch bietet es auch einige lehrreiche Lektionen für die heutige Politik.

Ein durchgängiges Thema von den 1970er Jahren bis heute ist die anhaltende Vernachlässigung des Agrarsektors durch die jemenitische Regierung. Immer wieder, wenn die Regierung eine einfache und nicht nachhaltige Einnahmequelle findet, bleiben die jemenitischen Bauern auf der Strecke. Die Förderung des Wachstums in diesem Sektor ist zwar schwierig und komplex, aber sie ist die nachhaltigere Option, die wirtschaftliches Wachstum, Exportpotential und eine nachhaltige Lebensgrundlage für einen bedeutenden Teil der jemenitischen Arbeiterschaft bietet.

Arbeiter im Golf, Geld und Lebensmittel aus dem Ausland

Der Jemen ist seit jeher ein wichtiger Lieferant von Arbeitskräften für die arabischen Golfstaaten. Der Ölboom der 1970er führte dazu, dass jemenitische Arbeiter die unterversorgten Arbeitsmärkte der Nachbarländer überfluteten. Das Ergebnis war ein enormer Anstieg der Einkünfte: 1977 erreichten die privaten Einkünfte einen Höchststand von 1,39 Milliarden US-Dollar und machten laut der jemenitischen Central Planning Organization satte 77 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus.

Das hatte viele Vorteile: Das Bildungsniveau stieg zum Beispiel, ebenso wie verschiedene Gesundheits- und Wohlstandsindikatoren. Allerdings hatte dies auch die unbeabsichtigte Folge, dass sich die Wirtschaft nicht auf die Landwirtschaft stützte. Stattdessen entstand eine chronische und akute Abhängigkeit von Importen – beides hält bis heute an.

Der Anstieg der Einkünfte bedeutete, dass die Jemeniten über mehr Kapital verfügten, da es aber in der wenig diversifizierten Wirtschaft des Landes nicht viele lokale Investitionsmöglichkeiten gab, konnten sie diese Gelder nur auf drei Arten ausgeben: Land kaufen, ein Haus bauen oder ein kleines Einzelhandelsgeschäft eröffnen.

Außer dem Anbau von Qat ist Landwirtschaft unattraktiv

Das Ergebnis war ein schnelles Wachstum im Bausektor, vor allem in urbanen Regionen, was zu steigenden Preisen und Löhnen in diesem Sektor führte. Dies machte die Arbeit in der Landwirtschaft – in der die Löhne und Preise aufgrund der Billigimporte bereits litten – noch unattraktiver. Ein Teufelskreis setzte ein, in dem die landwirtschaftliche Produktion zurückging und die Abhängigkeit von Importen zunahm. Die übrigen Investitionen in Ackerland konzentrierten sich auf Luxuskulturen wie Qat. Diese brachten zwar mehr Profit ein, aber andere, ökologisch nachhaltigere und nützlichere Kulturen wie Baumwolle, Sorghumhirse und Kaffee wurden dadurch verdrängt. Investitionen in die Landwirtschaft wurden unattraktiv, es sei denn, die benötigten Mittel und die Infrastruktur für die lukrativere Qat-Pflanze standen bereit.

Die Zahlen sprechen für sich. Von 1975 bis 1980 verdreifachte sich der Wert der Importe fast von 3 Mrd. Riyal auf 8,35 Mrd. Riyal, während die lokale landwirtschaftliche Produktion stetig sank. Baumwolle zum Beispiel boomte einst mit einer Produktion von über 25.000 Tonnen, ging aber ab 1974 stark zurück. Denn die Zahl der Arbeitskräfte nahm ab und die Bauern bevorzugten den Anbau von Qat, der ebenso wie Baumwolle eine sehr wasserhungrige Pflanze ist. Die Kaffeeproduktion, die eigentlich hätte wachsen sollen, so wie viele andere Feldfrüchte wurden schließlich entweder von Qat verdrängt oder ihre Produktionen stagnierten.

Der Jemen setzt Strukturanpassungsprogramme um, nachdem Millionen von Arbeiter zurückkehren  

Mitte der 1980er Jahre wurde das Ausmaß der Importabhängigkeit klar. Sowohl der Nord- als auch der Südjemen ergriffen nun politische Maßnahmen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Diese hatten auch einen gewissen Effekt, der zu einem Rückgang der Importe in den späten 1980ern und frühen 90ern führte; dieser Effekt wurde aber durch andere Ereignisse weitgehend irrelevant.

Der Jemen entdeckte das Öl zu der Zeit, als gerade die Öleinnahmen in den 1980er Jahren stark zurückgingen. Öl machte den Großteil der Wirtschaftsleistung in der Golfregion aus und als die Ölpreise fielen, sank auch der Bedarf an Arbeitskräften. Etwa zwei Millionen arabische Arbeiter wurden aus verschiedenen Golfstaaten zurückgewiesen. Geschätzt die Hälfte von diesen war jemenitisch. Dies war zum Teil darauf zurückzuführen, dass der Jemen als nicht-ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates gegen den Einsatz von Gewalt im Irak während des Golfkrieges 1990/91 gestimmt hatte – eine bei den Nachbarn unpopuläre Entscheidung, die auch dazu führte, dass die ausländische Unterstützung für die neu vereinigte jemenitische Republik eingestellt wurde. Im Jahre 1994 brach dann ein Bürgerkrieg aus, der sowohl die Arbeitslosigkeit und die Inflation erhöhte als auch das Haushaltsdefizit vergrößerte. Infolgedessen sank das Pro-Kopf-BIP von 686 USD im Jahr 1990 auf 281 USD im Jahr 1996.

1995 zwangen der Internationale Währungsfonds und die Weltbank die jemenitische Regierung als Bedingung für dringend benötigte Kredite, ein wirtschaftliches, finanzielles und administratives Reformprogramm umzusetzen, das darauf abzielte, das Haushaltsdefizit und die Inflation zu reduzieren und den Wechselkurs zu stabilisieren. Dies hatte etwas Erfolg, aber wie bei vielen extern auferlegten Strukturanpassungsprogrammen jener Zeit gingen diese Maßnahmen mit einer deutlichen Kürzung der Staatsausgaben und einem massiven Anstieg der Armut einher. Es überrascht nicht, dass die Förderung des Agrarsektors inmitten des Chaos nicht angegangen wurde und die Importabhängigkeit unvermindert anhielt, während die Ernährungsunsicherheit weiterhin zunahm.

Importiert Qat, und baut dürreresistente Früchte an

Zukünftig sollten sich die staatlichen Investitionen auf den Aufbau der institutionellen Infrastruktur konzentrieren, die für die Kommerzialisierung landwirtschaftlicher Produkte erforderlich ist. Dies könnte in Form von öffentlichen Unternehmen geschehen, die lokale Produkte kaufen, vermarkten, vertreiben und exportieren sowie die Importe kontrollieren. Solche Behörden können Preisstabilisierungsprogramme anbieten, um Landwirte vor der Volatilität der Rohstoffpreise zu schützen, die Preise auf der Verbraucherseite subventionieren, um der Ernährungsunsicherheit entgegenzuwirken. Sie können auch finanzielle Anreize bieten, um landwirtschaftliche Arbeit attraktiver zu machen. Obwohl Vermarktungsagenturen der öffentlichen Hand ineffizient und anfällig für Korruption sein können, sind sie für den Jemen die geeignetste Lösung, da dort derzeit die Voraussetzungen für private Unternehmen fehlen.

Ein besseres Management der Wasserressourcen ist ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil eines jeden Maßnahmenpakets, das die Landwirtschaft im Jemen verbessern soll. Das Engagement der Regierung in diesem Bereich ist von entscheidender Bedeutung, vor allem, weil es verhindern könnte, dass ein so großer Teil der Wasservorräte für den Anbau von Qat aufgewendet wird. Der Qat-Anbau nimmt derzeit mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Jemen ein und ist zu einem Großteil für die Erschöpfung der Wasservorräte im Land verantwortlich. Während ein Verbot des Anbaus dieses Aufputschmittels äußerst unpopulär wäre, könnte die Förderung von Qat-Importen aus Nachbarländern eine Option sein. Dies würde die Nachfrage nach den knappen Wasserressourcen und die hohen Kosten, die den Landwirten durch das Bohren nach Wasser entstehen, reduzieren. Die Förderung von Qat-Importen ist kein neuer politischer Vorschlag und wurde bereits in der Vergangenheit untersucht, jedoch nie umgesetzt. Gleichzeitig sollte die Regierung die Wiedereinführung umweltfreundlicherer Feldfrüchte fördern, wie z.B. die dürreresistente Sorghumhirse, die vor der Einführung des Weizens ein viel beliebteres Grundnahrungsmittel war.

Jedoch haben diese Maßnahmen alle eine Bedingung: Ohne eine nachhaltige Lösung des Konflikts im Land wäre es unmöglich, solche Maßnahmen umzusetzen. Dies bleibt das größte Problem für Millionen von Jemeniten. Nur ein nachhaltiges und langfristiges Ende der Kämpfe wird die Schaffung starker und transparenter staatlicher Institutionen ermöglichen, die endlich daran arbeiten können, den hinkenden Agrarsektor nach so vielen Jahrzehnten der Vernachlässigung wieder auf die Beine zu bringen.

Aiman Al-Eryani ist Berater des Yemen Policy Centers und beschäftigt sich mit den Arbeits- und Kapitalströmen jemenitischer Arbeiter und deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft im Jemen.

Haftungsausschluss: Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und spiegeln nicht notwendigerweise die des Yemen Policy Centers oder seiner Geldgeber wider.

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