Dr. Kawkab Alwadeai

Ländliche Entwicklung ist der Schlüssel zu nachhaltigem Frieden im Jemen


August 2021

Über zwei Drittel der jemenitischen Bevölkerung leben in ländlichen Gebieten. Seit Jahrzehnten leiden diese Gebiete unter einem Mangel an staatlichen Dienstleistungen und Entwicklungsprogrammen sowie an Schulen, Krankenhäusern und kulturellen Einrichtungen. Auch die folgenden Regierungen haben es versäumt, nachhaltige wirtschaftliche Möglichkeiten für die Landbevölkerung zu schaffen. Das Ergebnis: Millionen von Menschen auf dem Land sind gefangen in dem tödlichen Trio aus Analphabetismus, Armut und Krankheit. Der seit sieben Jahren andauernde Krieg hat die Lebensbedingungen deutlich verschlechtert. Frauen und Kinder tragen oft die Hauptlast der Gesundheitsprobleme und der wirtschaftlichen Unsicherheit. Ohne Entwicklung und wirtschaftliche Möglichkeiten in diesen Gebieten ist es zudem wahrscheinlicher, dass Milizen und extremistische oder kriminelle Gruppen junge Männer rekrutieren, die in illegale Praktiken wie Menschenhandel verwickelt werden können. Kawkab Alwadeai plädiert dafür, dass jede zukünftige Regierung einen neuen Ansatz verfolgen sollte, damit die Bewohner ländlicher Gebiete gleichberechtigt mit der städtischen Bevölkerung behandelt werden. Die Unterstützung des Agrarsektors und der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung in diesen Gebieten sollte die höchste Priorität haben.

Ländliche Gebiete im Jemen: Eine Geschichte der formalen Vernachlässigung

In den letzten 60 Jahren haben es die aufeinander folgenden jemenitischen Regierungen versäumt, die 19 Millionen Menschen, die die ländliche Bevölkerung ausmachen, mit grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheitssystem und Bildung zu versorgen. Sie haben es auch versäumt, nachhaltige wirtschaftliche Möglichkeiten für die Menschen in den ländlichen Gebieten zu schaffen.

Die großen städtischen Zentren haben tendenziell die meisten öffentlichen und privatwirtschaftlichen Investitionen erhalten. Die Mehrheit der politischen Elite sowie der Groß- und Kleinhändler lebt in den großen Städten. Sogar Stammesführer kontrollieren ihre ländlichen Heimatgebiete oft von einer Stadtadresse aus. Als größtes urbanes Zentrum des nördlichen Hochlandes konzentriert sich die Entwicklung auf die Hauptstadt Sanaa. In dieser Stadt wurde am meisten in die öffentliche Versorgung investiert, es gibt gute Schulen, gute Ärzte und befestigte Straßen.

Im Gegensatz zu den meisten städtischen Gebieten haben die ländlichen Gebiete nur wenig Unterstützung vom öffentlichen oder privaten Sektor für Dienstleistungen erhalten. Für Jemeniten in ländlichen Gebieten ist der Zugang zu Schulen und zur Gesundheitsversorgung besonders schwierig. Schulen, vor allem für ältere Schüler, befinden sich oft in Städten, die weit von den Dörfern entfernt sind. Aufgrund sozialer Normen können Mädchen diese Entfernungen oft nicht zurücklegen und brechen die Schule nach der Grundschulausbildung ab. Ländliche Schulen haben zudem oft Schwierigkeiten, qualifizierte Lehrer einzustellen. Auch die besser ausgestatteten und personell besser besetzten Gesundheitszentren und Krankenhäuser befinden sich meist in den Städten und Ballungsgebieten, und es ist für manche Menschen, wie z.B. Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder schwangere Frauen, schwierig, die erforderlichen Strecken zurückzulegen, besonders in den Bergregionen mit schlechten Straßen. Zudem sind auch die Arbeitsmöglichkeiten rar.

Die jemenitischen Regierungen haben es versäumt, die Entscheidungsfindung auf regionaler oder lokaler Ebene zu stärken. Unter dem ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh zeigte der Staat kein Interesse daran, der Landbevölkerung zu dienen; es wurden bloß prominente ländliche Persönlichkeiten wie Scheichs, Offiziere und Geschäftsleute mit dem informellen Patronage-Netzwerk des Präsidenten verbunden. Diese Personen genossen einen bevorzugten Status und erhielten Geldzuwendungen als Gegenleistung dafür, dass sie die Loyalität der Landbevölkerung gegenüber der Regierungspartei und dem Präsidenten selbst sicherten.

Als Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung sind ländliche Gebiete im Südosten, wie Al-Baida, Abyan und Hadramaut, zu einem fruchtbaren Umfeld für religiöse Extremistengruppen geworden, wozu auch die Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel gehört. Diese Gruppen haben das Regierungs- und Kulturvakuum genutzt, das der Staat unter Saleh hinterlassen hat. Vor ihrer Machtergreifung im Jahr 2014 festigten die Huthis ihre Macht im nördlichen Hochland, indem sie sich als Opposition gegen die Ungerechtigkeiten des Zentralstaates präsentierten und das Fehlen staatlicher Entwicklungsprogramme in ihrem Gebiet kritisierten.

Die ländlichen Gebiete des Jemens werden auch in den kommenden Jahrzehnten die wichtigste Quelle der Unterstützung für extremistische Gruppen bleiben, sowie eine Quelle für Konflikte und Instabilität für jede zukünftige Regierung sein, die von den Stadtzentren aus regiert, sei es in Sanaa, Aden oder anderswo.

Ländliche Probleme verschärfen sich durch den Krieg

Die Situation in den ländlichen Gebieten hat sich durch den aktuellen Konflikt weiter verschärft. Der Krieg hat den Zugang zu den Städten für Arbeit und medizinische Versorgung noch schwieriger gemacht, da die Treibstoffkosten in die Höhe geschossen sind, Straßen beschädigt wurden und verschiedene Konfliktakteure die Kontrolle über die Bewegungen der Menschen übernommen haben. Der Krieg hat viele dringend benötigte ländliche Entwicklungsprojekte in Bereichen wie Wasser und Gesundheitsversorgung verhindert. Der Zugang zu Nahrungsmitteln ist für Familien, die ohnehin schon stark unterernährt waren, immer schwieriger geworden.

Alle Gebiete im ländlichen Hochland des Nordens, insbesondere die an Saudi-Arabien grenzenden Gouvernements Hajja und Saada, wurden von der saudischen Koalition direkt mit schweren Luftangriffen beschossen, was zur Zerstörung der Infrastruktur der Gouvernements führte. Selbst Krankenhäuser wurden von den Bombardierungen nicht verschont. Das Krankenhaus in Hajja, das von Ärzte Ohne Grenzen betrieben wird, wurde viermal bombardiert. Auch die Bereiche Bildung, Energie, Wohnungsbau, Transport, Wasser und Abwasserentsorgung wurden schwer getroffen. Als eine Hungersnot die Bezirke von Hajja traf, berichteten die lokalen Medien von Familien, die Blätter von Bäumen aßen, wobei Dutzende Kinder dem Hungertod geweiht waren.

Unvergessen ist die Szene eines jemenitischen Vaters aus dem Distrikt Aslam in Hajja, der mit seinem Säugling drei Stunden lang barfuß von seinem Dorf zum Gesundheitszentrum des Distrikts lief, in dem es an medizinischer Versorgung mangelte. Dann lief er zurück in sein Dorf, mit dem toten Baby in seinen Armen.

Trotz mangelnder Entwicklung in der Vorkriegszeit waren die ländlichen Gebiete die Hauptquelle der Nahrungsmittelproduktion im Jemen und die Landwirtschaft, Fischerei und der Wassersektor boten Arbeitsplätze für einen großen Teil der Bevölkerung. Diese Sektoren haben seit Beginn des Krieges mit Problemen zu kämpfen. Zum Beispiel hat der Anstieg der Treibstoffpreise in den letzten fünf Jahren die Fähigkeit der jemenitischen Landwirte beeinträchtigt, Maschinen zu betreiben und Güter zu transportieren. Dies führte auch dazu, dass nicht mehr ausreichend sicheres Trinkwasser und Wasser für die Bewässerung und die Viehzucht gesichert werden konnten. Fischer waren nicht mehr in der Lage, ihre Boote mit dem notwendigen Treibstoff zu versorgen, was sowohl zu einem erheblichen Rückgang der Fischereiproduktion geführt hat als auch ihre Fähigkeit, ein Einkommen zu erzielen. Nicht zuletzt wurde auch die Versorgung der lokalen Lebensmittelhändler beeinträchtigt.

Frauen und Kinder in ländlichen Gebieten

Da ein Großteil des Jemens ländlich geprägt ist, hat dies historisch gesehen den Status der jemenitischen Frauen in diesen Gebieten und ihren Zugang zu verschiedenen Dienstleistungen, vor allem zur Gesundheitsversorgung und Bildung, stark beeinträchtigt. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen gab im Humanitarian Response Report 2020 an, dass etwa sechs Millionen Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter (15 bis 49 Jahre) Unterstützung benötigen; die Mehrheit dieser Frauen lebt in ländlichen Gebieten. Aufgrund der zunehmenden Nahrungsmittelknappheit sind mehr als eine Million schwangere Frauen unterernährt und laufen Gefahr, Kinder mit verkümmertem Wachstum zur Welt zu bringen. Darüber hinaus sind 114.000 Frauen davon gefährdet, Komplikationen bei der Geburt zu entwickeln.

Die Gewalt und die Unsicherheit, die der aktuelle Konflikt mit sich bringt, haben auch die Belastung und Verantwortung der Frauen in ländlichen Gebieten stark erhöht. Frauen kümmern sich oft um die meisten Bedürfnisse der Familie, einschließlich der Verantwortung für das Vieh, das Kochen, das Holen von Wasser und Feuerholz und sie arbeiten auf den Feldern mit den Männern. Zudem kümmern sich Frauen um Kinder, ältere Menschen und Kranke. Sie erfüllen diese Pflichten in Abwesenheit der Männer, die zu Kämpfern geworden, inhaftiert, verletzt oder tot sind.

Kinder in ländlichen Gebieten – diejenigen, die Cholera, Malaria, Dengue-Fieber, Diphtherie, Unterernährung und Hungersnot überlebt haben – sind anfällig für alle Arten von Missbrauch, einschließlich sexuellen Missbrauchs, Kinderheirat, Kinderarbeit, Zwangsbettelei und Ausbeutung durch bewaffnete Gruppen und Kriegsgewinnler. Human Rights Watch berichtet, dass alle Konfliktparteien im Jemen (die Huthis, die von der international anerkannten Regierung unterstützten Kräfte sowie die extremistischen islamischen Gruppen) Kindersoldaten im bewaffneten Konflikt einsetzen.

Für Mädchen auf dem Land ist die Situation nicht besser als für Jungen. In manchen Gegenden sind diejenigen, die vor dem Krieg das Glück hatten, eine Schulbildung zu erhalten, mehr als zwei Stunden gelaufen, um die Schule zu erreichen, aber während des Krieges sind alle Wege abgeschnitten worden; Schulen wurden mit Luftangriffen beschossen oder in Notunterkünfte für Vertriebene umgewandelt. Eine Studie von UNICEF hat ergeben, dass die Analphabetenrate unter jemenitischen Mädchen und Frauen 53 Prozent erreicht hat. Darüber hinaus hat die extreme Armut in den Familien zu einer Zunahme von Frühverheiratungen geführt. Die Gesamtzahl der Mädchen, die vor dem 18. Lebensjahr heiraten, hat inzwischen einen Anteil von 52 Prozent erreicht, 14 Prozent davon heiraten vor dem Alter von 15 Jahren. Das Leben dieser Mädchen ist gefährdet, weil sie früh schwanger werden und sexuellen Missbrauch, Frühgeburten oder Abtreibung erleben können. Außerdem sind sie von Unterernährung bedroht, und das alles bei mangelnder medizinischer Versorgung.

Spaltung und Konflikt verhindern eine umfassende Entwicklung

Leider sehen die Huthis und die international anerkannte Regierung, die sich von Zeit zu Zeit am Verhandlungstisch treffen, nicht über die Kontrolle des Territoriums und die Verteilung der Regierungsposten nach dem Krieg hinaus. Die Ziele, die sie verfolgen, werden nicht zu einem nachhaltigen Frieden führen. Dieser kann nur durch eine umfassende Entwicklung erreicht werden, die in den Gebieten beginnt, die jahrzehntelang vernachlässigt wurden: in den ländlichen Gebieten.

Nachhaltiger Frieden wird auch nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu erreichen sein, die allen Jemeniten Zugang zu Bildung und Gesundheit, Arbeitsmöglichkeiten und politischer Teilhabe ermöglicht. Die Rechte aller Bürger, Kinder, Frauen und Männer, müssen durch die Stärkung der rechtlichen, legislativen und exekutiven Autorität geschützt werden, wobei alle Menschen dem Zivilrecht unterliegen. Zukünftige Regierungen müssen die Fehler ihrer Vorgänger vermeiden. Anstatt das Staatsbudget für Stammesführer, Geschäftsleute und andere mit der Elite verbundene Personen auszugeben, muss der Staat die Bedürfnisse aller Jemeniten gleichermaßen berücksichtigen.

Die Geber, die den Friedensprozess im Jemen unterstützen, sollten helfen, echte Entwicklung für die 71 Prozent der Bevölkerung zu fördern, die in ländlichen Gebieten leben. Der Jemen braucht keine Lebensmittelkörbe und Säuglingsnahrung. Stattdessen sollten die internationalen Akteure helfen, die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und echte Entwicklungsprojekte für die ländlichen Gebiete bereitzustellen, mit einem besonderen Augenmerk auf Frauen. Frauen sind der Schlüssel für die kurz- und langfristige Entwicklung der ländlichen Gebiete.

Über den Autor: Dr. Kawkab Alwadeai ist Beraterin im Nationalen Frauenkomitee des Jemen und Mitglied des Forschungs- und Bildungszentrums für Menschenrechte an der Universität von Ottawa.  Alwadeai hat über 18 Jahre Erfahrung in den Bereichen Menschenrechte, Frieden und Dialog. Sie entwickelt Pläne und Strategien zu geschlechtsspezifischer Gewalt, sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt und extremistischer Gewalt auf Gemeindeebene in den Gouvernements und NGOs des Jemens sowie für Regierungsvertreter.

Haftungsausschluss: Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und spiegeln nicht notwendigerweise die des Yemen Policy Centers oder seiner Geldgeber wider.

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