YPC Staff

Kaleidoscope: Ideen kombinieren, neue Blickwinkel, über Grenzen hinaus denken


August 2021

Seit bereits über sechs Jahren herrscht im Jemen Krieg. Das Land durchläuft immer wieder Zyklen von Friedensgesprächen, jedoch ohne konkrete Ergebnisse. Einige Gespräche und Vereinbarungen schienen sogar eher Rückschläge zu sein. Dennoch sind und bleiben die von den Vereinten Nationen unterstützten Friedensgespräche das wichtigste Format, wenn es um den Frieden im Jemen geht. Als sei jenseits dieses formalisierten Prozesses Frieden nicht zu erlangen. So bewegen sich die Dinge in Zyklen, in denen die Hoffnung auf ein Ende des Krieges stets kommt und geht, wobei die Gesamtsituation jedoch zunehmend hoffnungslos scheint. Leid, Hunger und Tod gehören zum Alltag der Jemeniten, während sich zivilgesellschaftliche Akteure und internationale Organisationen weiterhin um Frieden bemühen. In den letzten Jahren wurde der Jemen von den internationalen Medien als der „vergessene Krieg“ oder die „schlimmste humanitäre Krise der Welt“ behandelt. Diese Diskurse prägen die Art und Weise, wie wir alle an den Jemen herangehen. Wir bewegen uns alle gemeinsam in diesem Kreislauf. Wie können wir aus diesem Kreislauf ausbrechen und anfangen, fortschrittlich zu denken und zu handeln?

Mit unserer Arbeit am Yemen Policy Center (YPC) wollen wir durch Diskussionen einen Beitrag zur Friedenskonsolidierung leisten, die nicht nur die lokale Politik beleuchtet, sondern auch kreative lokale Lösungen auf die nationale Ebene überträgt. Wir tun dies durch rigorose Feldforschung, die von unserer Schwesterorganisation, dem Yemen Polling Center, durchgeführt wird, in Verbindung mit einem imaginativen Ansatz für soziale und politische Identitäten sowie nationaler Alltagspolitik. Wir von YPC sind der Meinung, dass „der Friedensstifter mit einem Fuß im Bestehenden und mit dem anderen im Unbekannten stehen muss“. Nur dann können wir über den Tellerrand hinausschauen und neue Impulse für die Friedensförderung geben.

John Lederach – Professor für internationale Friedenskonsolidierung mit Erfahrung in Kolumbien, Nepal, Nicaragua, Nordirland und Somalia – argumentiert, dass „Moral Imagination“ erforderlich ist, um „konstruktive Prozesse zu schaffen, die in den täglichen Herausforderungen der Gewalt verwurzelt sind und dennoch über diese destruktiven Muster hinausgehen“; „Moral Imagination“ ist die Fähigkeit, sich über „Spaltungen zu erheben und über akzeptierte Bedeutungen hinauszugehen“; sie ist die Entdeckung „ungeahnter neuer Blickwinkel, Möglichkeiten und unerwarteter Potenziale“. Um diese Moral Imagination zu ermöglichen, muss Raum für Kreativität geschaffen werden. Bei YPC wollen wir empirische politische Analysen mit kreativen Visionen für die Zukunft des Jemens verbinden, damit Moral Imagination entstehen kann. Wir nennen diesen Raum das „Kaleidoscope“, das als Quelle der Inspiration dienen soll.

Was wird dieser Kaleidoskop-Ansatz mit sich bringen? Wir wollen Perspektiven kombinieren, neue Blickwinkel erkunden sowie Denker und Experten zusammenbringen. Wir wollen disziplinenübergreifend arbeiten, Fiktion mit Forschung verbinden und jeden dazu anregen, über die Grenzen hinaus zu denken. Konkret wollen wir über Resilienz und ihre Erscheinungsformen innerhalb von Gemeinden nachdenken. Uns ist bewusst, dass Resilienz, wie sie von internationalen Organisationen gefeiert und oft romantisiert wird, problematisch sein kann, da sie strukturelle Veränderungen vermeidet und die Verantwortung auf Einzelpersonen und Gemeinden überträgt. Wir verstehen Resilienz aber auch als eine Form des Widerstands von Einzelpersonen und Gemeinden angesichts großer Hindernisse. Wir wollen über lokale Politik und Friedensinitiativen nachdenken und über ihr Potenzial, andere, größere Initiativen zu inspirieren. Wir wollen Experten aus verschiedenen Bereichen zusammenbringen und neue Ideen entstehen lassen. Wir wollen unter anderem die Kapazitäten, Ursachen und Motivationen, die die lokalen Initiativen möglich machen, verstehen und die Elemente identifizieren, die über den lokalen Rahmen hinausgehen und an anderen Orten zum Frieden beitragen können. Wir wollen Ideen entwickeln, Visionen schaffen und inspirieren. Wir werden dies durch einen Ansatz erreichen, der Forschung mit Storytelling verbindet und versucht, von der lokalen Politik zu lernen sowie sich zu überlegen, wie die Lehren aus dem Lokalen auf das Nationale angewendet werden könnten.

Wir möchten diejenigen, die sich für den Frieden im Jemen einsetzen, dazu anregen, ihre Arbeit mit neuen Augen zu betrachten, und sind uns bewusst, dass die Medien eine große Rolle dabei spielen, wie der Jemen wahrgenommen wird. Die Geschichten und Forschungsergebnisse unseres Projekts bilden eine reichhaltige und vielfältige Materialsammlung, die das Potenzial hat, die Narrative in den Medien zu bereichern. Der derzeit vorherrschende Diskurs, der die Jemeniten als Opfer darstellt, ist dem Frieden nicht förderlich. Deshalb wollen wir Journalisten und Medienplattformen dabei unterstützen, ihre Jemen-Berichterstattung zu diversifizieren, um auf eine Veränderung des Diskurses hinzuwirken. Wir sind uns bewusst, dass dies ein langer Weg ist. Aber wir arbeiten darauf hin, einen Wechsel der Perspektiven und schließlich der Politik zu erlangen. Dies soll schlussendlich den nötigen Wandel herbeiführen, der den Frieden im Jemen möglich machen kann.

Donor:
German Federal Foreign Office
Editors:
Mareike Transfeld and Jatinder Padda
Translators:
Gizem Isik (German) Fatima Saleh (Arabic)
Photography:
Ahmed al-Hagri
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